Miep Gies – die Wiener Gerechte unter den Völkern

Miep Gies – eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, Schriftstellerin und eine Frau mit einem großen Herzen. Während des Zweiten Weltkriegs scheute sie sich nicht, Juden zu helfen. Zwei Jahre lang versteckte sie die Familie von Anne und Otto Frank vor den Nationalsozialisten und setzte sich danach unermüdlich dafür ein, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren, schreibt viennaka.eu.

Kindheit und Jugendjahre

Hermine Santruschitz wurde am 15. Februar 1909 in Wien geboren. In ihrer Kindheit musste sie Dinge durchleben, die selbst für einen Erwachsenen schwer zu ertragen wären. Hermines Familie war arm und kam kaum über die Runden. Hermine und ihre Schwester teilten sich ein einziges Kleid. Es kam auch vor, dass es im Haus überhaupt nichts zu essen gab. Aufgrund ständiger Unterernährung war das Mädchen oft krank. Im Alter von 11 Jahren wurde Hermine im Rahmen einer Hilfsaktion für bedürftige österreichische Kinder in die Obhut einer Pflegefamilie eines Kohlenfabrikarbeiters gegeben. Ursprünglich sollte sie dort nur einige Monate verbringen, blieb aber für viele Jahre.

In der neuen Familie hatte es das Mädchen anfangs sehr schwer, da nur der älteste Sohn Deutsch sprach und zunächst als Übersetzer fungierte. Ihre neuen Eltern behandelten Hermine herzlich und nannten sie bald nur noch kurz Miep. Bald verbesserte sich der Gesundheitszustand des Kindes, sie lernte Niederländisch und wurde zu einer ausgezeichneten Schülerin.

Im Teenageralter begann Hermine, sich für Politik und klassische Musik zu interessieren. Zudem las sie viel und führte philosophische Tagebücher, die sie später jedoch vernichtete.

Eine schicksalhafte Bekanntschaft

Als Miep 18 Jahre alt wurde, fand sie eine Anstellung in einer Textilfirma, wo sie sechs Jahre lang arbeitete, bevor sie aufgrund der sich zuspitzenden Wirtschaftskrise entlassen wurde. Das junge Mädchen suchte erfolglos nach einer neuen Arbeit, bis Nachbarn sie auf eine freie Stelle in einem Unternehmen hinwiesen, das Marmelade herstellte. Kurz darauf ging sie zu einem Vorstellungsgespräch bei dem Flüchtling Otto Frank.

Überraschenderweise fanden die beiden schnell eine gemeinsame Sprache und unterhielten sich auf Deutsch. Hermine stritt oft mit ihrem Chef über politische Themen, doch in einem Punkt waren sie sich einig: Beide waren Gegner Adolf Hitlers.

Bald entwickelte sich ihre Beziehung über das rein Berufliche hinaus. Der Geschäftsmann stellte Miep seiner Frau Anna und seinen Töchtern vor. Von da an verbrachten sie gemeinsame Abende, bei denen sie über Filme und Filmstars sprachen.

1940 marschierte Deutschland in die Niederlande ein. Währenddessen baute Frank sein Geschäft aus. Im Winter zog seine Fabrik in ein neues, kleineres Gebäude um, das über zahlreiche Büro- und Lagerräume verfügte. Er stellte neue Mitarbeiter ein und fand einen zuverlässigen Partner, der auf Gewürze für Wurstwaren spezialisiert war.

Privatleben

In ihrer Jugend war Miep sehr gesellig; sie genoss es, wenn Männer ihre Schönheit bewunderten und ihr Komplimente machten. Sie besuchte oft gesellschaftliche Anlässe. Aus der Schar der Verehrer wählte sie den Buchhalter der Textilfirma, in der sie gearbeitet hatte – Jan Gies.

Zuerst waren sie nur Freunde, doch bald merkten sie, dass sie nicht mehr ohneeinander leben konnten. Beide liebten die Werke Mozarts, gingen jedes Wochenende ins Kino und unternahmen Fahrradtouren. Miep stellte ihren Auserwählten den Franks vor, und von da an war er ein häufiger Gast im Hause der Familie.

Die Verliebten wollten eine große Hochzeit feiern, doch es fehlten die finanziellen Mittel. Zudem war Amsterdam voller Flüchtlinge, was die Wohnungssuche erschwerte. Durch einen Zufall gelang es ihnen, ein Zimmer zu mieten.

Das Versteck und die Verhaftung

Währenddessen wurden für Juden von Jahr zu Jahr mehr Einschränkungen eingeführt. Um die Mitarbeiter seiner Firma nicht zu gefährden, entschied sich Otto Frank, das Unternehmen auf Jan Gies zu überschreiben. So wurde aus „Opekta“ die Firma „Gies & Co.“.

1942 mussten Juden den gelben Stern tragen, und Otto fasste den Plan, sich mit seiner Familie und einigen Freunden in einem kleinen Anbau des Bürogebäudes zu verstecken. Das Ehepaar Gies half den Franks, so schnell wie möglich in das Versteck umzuziehen, was sie zu Komplizen eines Verbrechens machte.

Miep brachte täglich Lebensmittel dorthin, während ihr Mann und Kollegen sich um Sicherheits- und Finanzfragen kümmerten. Mit der Zeit wurde es fast unmöglich, Nahrung für acht Untergetauchte zu beschaffen. Besonders schwierig war es im Winter, wenn einer der Versteckten krank wurde und sich durch Niesen oder Husten verraten konnte. Zusätzlich versteckte sich im Haus des Ehepaars Gies ein junger Mann vor der Verhaftung.

1944 entdeckte die Gestapo schließlich das geheime Versteck. An jenem Tag war Miep im Büro, sah aber nicht, wie die acht verhafteten Juden abtransportiert wurden. Zusammen mit ihnen wurden alle Helfer festgenommen, doch Miep Gies entging wie durch ein Wunder einer Bestrafung. Der Grund dafür war, dass der verantwortliche Polizist ebenfalls aus Wien stammte und Mitleid mit ihr hatte.

Die letzten Lebensjahre

Alle, die es gewagt hatten, das Gesetz zu brechen, wurden in Konzentrationslager deportiert. Von der gesamten Familie Frank überlebte nur Otto, der nach dem Krieg nach Amsterdam zurückkehrte. Miep nahm ihn bei sich auf, bis er 1952 zu seiner Mutter in die Schweiz zog.

Ihr Leben lang engagierte sich das Ehepaar Gies dafür, die Geschichte der Familie Frank bekannt zu machen. Sie wirkten in verschiedenen Dokumentarfilmen mit, traten im Fernsehen auf und hielten Vorträge vor Schulkindern.

Zudem schrieb Miep das Buch „Meine Zeit mit Anne Frank“, das 1987 veröffentlicht und später mehrfach neu aufgelegt wurde.

1993 verstarb Mieps Ehemann. Danach trat sie kaum noch öffentlich auf, richtete aber kurz vor ihrem Tod eine eigene Webseite ein, auf der sie ihre Erinnerungen teilte. Im Jahr 2010 verstarb diese großartige Frau in einem Seniorenheim.

Interessante Fakten

  • Die Biografie von Gies bildete die Grundlage für die Miniserie „Ein Funken Hoffnung – Anne Franks Helferin“, die 2003 auf die Bildschirme kam.
  • Im Jahr 2009 wurde ein Asteroid nach Miep benannt. Außerdem wurde in Wien ein Park in der Nähe des Hauses ihrer leiblichen Eltern nach ihr benannt.
  • Israel verlieh Miep Gies den Titel Gerechte unter den Völkern.

Aus all dem lässt sich schließen, dass Miep Gies eine furchtlose und gütige Frau war. Die Erinnerung an sie lebt in den Herzen von Menschen auf der ganzen Welt weiter.

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