Wien war schon immer eine Quelle der Inspiration für Künstler und Meister ihres Faches. Unter jenen, denen es gelang, den Geist der Epoche auf den Seiten ihrer Werke festzuhalten, nimmt Alice Urbach einen besonderen Platz ein – eine herausragende Kochbuchautorin. Ihr Name wurde in den Wiener Küchen zum Synonym für Raffinesse und Zweckmäßigkeit, und ihre Rezepte waren nicht nur Anleitungen, sondern eine wahre Verkörperung gastronomischer Philosophie. Dieser Artikel lädt Sie ein, in die Welt von Alice Urbach einzutauchen, ihren Beitrag zur kulinarischen Kultur Wiens zu erkunden und zu verstehen, warum ihre Werke bis heute ein bedeutender Teil der österreichischen Gastronomiegeschichte sind. Mehr dazu auf viennaka.eu.
Wer war Alice Urbach: Ein Blick in ihre Biografie
Die Geschichte der Wiener Küche ist untrennbar mit den Namen jener verbunden, die ihren Geschmack prägten, doch nicht alle erhielten die gebührende Anerkennung. Eine dieser Persönlichkeiten ist Alice Urbach (geborene Alice Mayr) – eine bedeutende österreichische Jüdin, Köchin und Verfasserin einflussreicher Kochbücher. Geboren am 5. Februar 1886 in Wien als Tochter des bekannten Kaufmanns und Schriftstellers Sigmund Mayr, widmete Alice ihr ganzes Leben der Kochkunst und wurde zu einer der einflussreichsten Figuren in der gastronomischen Welt des Wiens der Zwischenkriegszeit.
Im Jahr 1912 heiratete Alice den Arzt Maximilian Urbach und brachte zwei Söhne zur Welt, Otto Robert und Karl. Der tragische frühe Tod ihres Mannes im Jahr 1920 ließ Alice mit zwei Kindern mittellos zurück. In dieser Zeit spielte ihre Stiefschwester, Sidonie Rosenberg, eine entscheidende Rolle, indem sie Alice half, eine kulinarische Karriere zu starten.

Ab Mitte der 1920er-Jahre leitete Urbach erfolgreich ihre eigene Kochschule, die schnell an Popularität gewann.
Sie bot Kurse für ein breites Publikum an: von Profis und Hausfrauen bis hin zu „fortschrittlichen Mädchen“ und Junggesellen. Später wurde ihre Einrichtung in „Kurse für moderne Kochkunst“ umbenannt und bot ab 1934 ihren Schülern sogar eine Pension mit familiärer Atmosphäre. Wir haben eine Tabelle erstellt, in der Sie sich mit den wichtigen Ereignissen im Leben der Autorin vertraut machen können.
| Ereignis | Jahr |
| Geboren als Alice Mayr | 1886 |
| Erstes Buch (mit ihrer Schwester) | 1925 |
| Bestseller „So kocht man in Wien!“ | 1935 |
| Anschluss → Arisierung der Autorschaft | 1938 |
| Emigration nach England | 1938 |
| Kulinarische Tätigkeit in den USA | 1946–1980 |
| Anerkennung und Rückgabe der Rechte | 2020 |
Leider wurden das Leben und Schaffen von Alice Urbach durch tragische Ereignisse jäh unterbrochen. Im Jahr 1942 wurde ihre Stiefschwester Sidonie Rosenberg in Treblinka ermordet. Alice Urbach selbst musste als Jüdin vor dem NS-Regime nach England fliehen, wo sie Kinder betreute. 1946 emigrierte sie in die USA, um bei ihren Söhnen zu sein. Selbst dort kochte sie weiterhin aktiv, nahm an Kochshows teil und begann im Alter von neunzig Jahren, an einer Kochschule in San Francisco die Wiener Küche zu unterrichten, was ihre unerschütterliche Liebe zu ihrem Beruf unter Beweis stellte.

Öffentliches Wirken und erste Bücher
Die Tätigkeit von Alice Urbach beschränkte sich nicht nur auf ihre Schule. Sie hielt äußerst beliebte Vorträge über klassische und moderne Wiener Küche, einschließlich diätetischer Aspekte, an so bekannten Orten wie dem „Café Landtmann“. Sie organisierte aktiv kulinarische Ausstellungen, veröffentlichte Rezepte und Menüs in Zeitungen und warb sogar für die tägliche Lieferung nahrhafter und preiswerter Gerichte nach Hause. Ihr erstes Kochbuch, „Kochbuch für Feinschmecker: Vorspeisen, Torten und Gebäck“, verfasste sie 1925 gemeinsam mit Sidonie Rosenberg.
Der Höhepunkt ihres Schaffens war jedoch das Kochbuch „So kocht man in Wien!“, das 1935 in Wien veröffentlicht wurde. Das Buch wurde sofort zum Bestseller und erreichte eine dritte Auflage mit bis zu 25.000 Exemplaren. Es lehrte nicht nur das Kochen, sondern prägte auch die Geschmäcker und Kochgewohnheiten der Wiener.

Der empörende Diebstahl der Autorschaft
Das empörendste Kapitel in der Geschichte von Alice Urbach ist mit ihrem berühmtesten Buch verbunden. Im Frühjahr 1938, nach Erscheinen der dritten Auflage von „So kocht man in Wien!“, zwang der Ernst Reinhardt Verlag in München Alice Urbach, auf die Rechte an ihrem eigenen Werk zu verzichten. Im Herbst desselben Jahres veröffentlichte der Verlag ihr unverändertes Kochbuch, jedoch unter dem Namen von Rudolf Rösch. Dieser „arisierte“ Autor erlangte dank Urbachs Buch Popularität und veröffentlichte bis in die 1960er-Jahre insgesamt sieben Neuauflagen unter demselben (manchmal leicht veränderten) Titel. Urbach kommentierte diesen Umstand bitter, aber treffend: „…aber meine jüdischen Hände sind auf den Fotos geblieben“, als ihr Antrag auf Rückgabe der Rechte und Entschädigung in den 1950er-Jahren abgelehnt wurde.
Bemerkenswert ist, dass Rudolf Rösch, obwohl er behauptete, ein bekannter Wiener Küchenchef zu sein, in keinem der zeitgenössischen Wiener Adressbücher oder Zeitungsartikel der 1930er-Jahre erwähnt wird. Seine Auftritte beschränkten sich auf einige wenige Teilnahmen an einer Kochsendung des Münchner Rundfunks. Als Mitglied des „Reichsnährstandes“ veröffentlichte Rösch während des Zweiten Weltkriegs weitere Kochbücher, doch sein „Ruhm“ war auf einem Plagiat aufgebaut.
Trotz der Versuche der Nationalsozialisten, sich die Wiener Küche anzueignen und den Namen Alice Urbach als prominente jüdische Vertreterin auszulöschen, prägten ihre Rezepte und Fotografien die kulinarische Kultur Wiens über Jahrzehnte hinweg. Urbachs Geschichte ist nur ein Beispiel von vielen. Seit dem späten 18. Jahrhundert entwickelte sich die Wiener Küche als eine gemeinsame kulinarische Tradition, die sowohl von jüdischen als auch von nicht-jüdischen Bewohnern geschaffen wurde, was sie zu einem unübertroffenen Symbol für kulturelle Vielfalt und gegenseitige Durchdringung macht.

Das Leben im Exil
Nach ihrer erzwungenen Abreise aus Wien im Jahr 1938 bekam das Leben von Alice Urbach eine neue Dimension, voller Prüfungen und Unbeugsamkeit. Zuerst emigrierte sie nach England, wo sie als Köchin in einem Privathaus arbeitete. Später kümmerten sich ihre fürsorglichen Hände um Mädchen, die mit den „Kindertransporten“ – Rettungsaktionen für jüdische Kinder – in einer Pension am malerischen Lake Windermere ankamen.
1946 zog Alice Urbach in die Vereinigten Staaten, wo sie in San Francisco mit ihrer Familie wiedervereint wurde. Dort setzte sie ihre kulinarische Tätigkeit fort und teilte ihre reiche Erfahrung und ihr Wissen. Sie unterrichtete die österreichische Küche und trat auch als Köchin im Fernsehen auf. Selbst im hohen Alter von 90 Jahren verlor Alice Urbach nicht die Leidenschaft für ihr Handwerk und demonstrierte weiterhin authentische Wiener Rezepte in Kochshows, womit sie einen bleibenden Eindruck in den Herzen ihrer Zuschauer und Schüler hinterließ.

Gerechtigkeit und Anerkennung
Die Geschichte von Alice Urbach ist nicht nur eine Erzählung über kulinarisches Talent, sondern auch über schmerzlichen Verlust und die triumphale Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Jahrzehntelang war ihr Name aus ihrem berühmtesten Kochbuch getilgt. Doch das Licht der Wahrheit kam schließlich ans Licht, und die Gerechtigkeit wurde dank der unermüdlichen Arbeit ihrer Enkelin wiederhergestellt.
Im Jahr 2020 machte es sich die Historikerin Karina Urbach, Absolventin der renommierten Universität Cambridge, zur Aufgabe, die Ehre ihrer Großmutter wiederherzustellen. Sie veröffentlichte eine tiefgründige und wichtige Studie mit dem Titel „Das Buch Alice. Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten“. In diesem Werk dokumentierte Karina Urbach sorgfältig das kulturelle Unrecht – das Plagiat und die „Arisierung“ des Werkes ihrer Großmutter – und enthüllte Details darüber, wie das NS-Regime versuchte, jüdische Spuren aus der Kulturlandschaft zu tilgen, selbst in einem so scheinbar unpolitischen Bereich wie der Kulinarik.
Dieses Buch wurde zum Katalysator für die Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit. Im Oktober 2020, mehr als achtzig Jahre nachdem Alice Urbach zur Abtretung ihrer Rechte gezwungen worden war, erkannte der Ernst Reinhardt Verlag offiziell seinen Fehler an. Er gab nicht nur die Rechte an dem berühmten Kochbuch „So kocht man in Wien!“ an die wahre Autorin – Alice Urbach – zurück, sondern listete auch alle seine Ausgaben unter ihrem rechtmäßigen Namen. Diese Entscheidung hatte weitreichende Folgen: Bibliothekskataloge auf der ganzen Welt wurden aktualisiert, und der Name Alice Urbach nahm endlich den gebührenden Platz neben ihrem unschätzbaren Beitrag zur Wiener Küchenkultur ein.

Dies ist nicht nur eine Geschichte über die Rückgabe von Buchrechten; es ist ein starkes Symbol für den Sieg der Wahrheit über das Vergessen, die Anerkennung von Talent und Widerstandsfähigkeit angesichts beispielloser Ungerechtigkeit. Alice Urbach, deren Leben von Tragödien und Zwangsemigration geprägt war, erhielt schließlich die verdiente Anerkennung, und ihr kulinarisches Erbe wurde endgültig zu seiner wahren Quelle zurückgeführt.
Interessant! Im Jahr 2022 veröffentlichten Arte und das ZDF den Dokumentarfilm „Alices Buch – Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten“, der die Geschichte von Alice Urbach erzählt. Alle Interessierten können sich den Film über ihr Leben ansehen.
Quellen: www.faz.net, www.ikg-wien.at, taz.de, www.geschichtewiki.wien.gv.at, www.spiegel.de, www.derstandard.at