Wien erlebte im 20. Jahrhundert tiefgreifende Veränderungen, die sich auf jeden Lebensbereich seiner Bewohner auswirkten. Vom Zusammenbruch der Imperien und zwei Weltkriegen bis hin zu Phasen rasanter Entwicklung und des Wiederaufbaus – jedes Jahrzehnt brachte neue Herausforderungen und Möglichkeiten mit sich. In diesem Strudel der Ereignisse bewahrten und veränderten die Wiener ihre festlichen Traditionen. Wo fanden die Stadtbewohner in diesen turbulenten Zeiten Freude, Zusammenhalt und Trost? Dieser Artikel lässt die Leser in die Welt der städtischen Feierlichkeiten eintauchen und erforscht, wie die Bewohner der Hauptstadt trotz historischer Umwälzungen weiterlebten, liebten und feierten. Weiter auf viennaka.eu.
Die wichtigsten staatlichen und religiösen Feiertage in Wien
Im 20. Jahrhundert beging Wien seine Feiertage mit einer einzigartigen Mischung aus tiefen Traditionen und den Veränderungen, die die Zeit diktierte. Jeder Festtag hatte sein eigenes Gesicht und vereinte die Bürger in Ritualen der Freude, der Ehrerbietung oder des Gedenkens.
Das Neujahr (1. Jänner) begann traditionell mit Musik, die aus dem Goldenen Saal des Musikvereins erklang. Das zu Beginn des Jahrhunderts ins Leben gerufene Konzert der Wiener Musiker wurde zu einem der bekanntesten Symbole der Neujahrsfeierlichkeiten und versammelte Millionen von Zuhörern auf der ganzen Welt vor den Radios und Fernsehern.
Darauf folgte Heilige Drei Könige (6. Jänner), erfüllt von Kinderlärm und Segenswünschen. Kinder, als „Sternsinger“ verkleidet, zogen von Haus zu Haus, sangen und schrieben Segenswünsche über die Türen, womit sie nicht nur festliche Stimmung, sondern auch alte Segnungen in die Häuser brachten.
Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten und Fronleichnam spielten eine bedeutende Rolle im öffentlichen Leben der Stadt. Diese religiösen Feste waren nicht nur Ruhetage, sondern eine Zeit tiefer spiritueller Gemeinschaft. Besonders Ostern war von vielen Traditionen geprägt: von der Weihe der Osterspeisen in den Kirchen über Straßenprozessionen bis hin zum Backen zahlreicher festlicher Gerichte, die die Wiener Häuser mit unvergleichlichen Düften erfüllten.
Der Erste Mai (Tag der Arbeit) hatte seine eigene dynamische Geschichte. Eingeleitet durch Massenkundgebungen von Arbeitern und Sozialdemokraten im Prater seit 1890, symbolisierte er den Kampf für Rechte. In Österreich wurde dieser Tag 1919 offiziell zum Staatsfeiertag. Obwohl der Feiertag während des Nationalsozialismus einen propagandistischen Charakter annahm, wurde er bereits nach dem Krieg, im Jahr 1949, als heller und bis heute weithin bekannter Feiertag wiederhergestellt.
Schließlich wurde und wird der 26. Oktober (Österreichischer Nationalfeiertag) als Tribut an die Unabhängigkeit gefeiert. Er wurde erstmals am 12. November 1919 begangen, geriet dann bis 1934 vorübergehend in Vergessenheit und wurde erst nach 1955 wieder eingeführt, um den Wiederaufbau Österreichs nach dem Krieg zu symbolisieren.
So war der Festkalender Wiens im 20. Jahrhundert ein lebendiges Spiegelbild der Epoche, das religiöse Verehrung, soziale Bewegungen und nationale Meilensteine verband und ein einzigartiges Mosaik städtischer Traditionen schuf.
Liachtbratlmontag: Ein Fest des Lichts und der Großzügigkeit in Wien
Unter der Vielfalt der festlichen Traditionen Wiens im 20. Jahrhundert nahm der sogenannte Liachtbratlmontag einen besonderen Platz ein, was wörtlich als „Licht-Braten-Montag“ übersetzt werden kann. Obwohl dieser Tag nie den offiziellen Status eines Feiertags hatte, war er tief im städtischen Leben verwurzelt und wurde bis in die 1930er Jahre weithin als ein echtes Gemeinschaftsfest gefeiert.
Diese einzigartige Tradition fiel auf den ersten Montag nach dem Fest des Heiligen Michael (29. September) und hatte eine tiefe symbolische Bedeutung. An genau diesem Tag entzündeten die Handwerker nach altem Brauch zum ersten Mal nach dem langen Sommer ihre Wachslampen – ein Symbol für die Rückkehr zur Arbeit in der herannahenden dunklen Jahreszeit. Dieses „Liacht“ (Licht) erhellte nicht nur die Werkstätten, sondern symbolisierte auch eine neue Phase im Arbeitszyklus.
Nach dem symbolischen Anzünden der Lampen folgte der angenehmste Teil des Festes: Der Arbeitgeber bewirtete seine Mitarbeiter nach alter Tradition mit einem großzügigen Festmahl. Dieser „Bratl“ (Braten) umfasste Bier oder Wein sowie köstliche gebratene Speisen, die den Übergang in die Herbst-Winter-Periode feierten. Es war ein Tag des Dankes für die geleistete Arbeit, des Zusammenhalts im Kollektiv und der Erholung vor der intensiven Arbeitssaison.
Der Liachtbratlmontag spiegelte den Geist der Gemeinschaft und des gegenseitigen Respekts zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wider und zeigte, wie auch inoffizielle Feste eine bedeutende Rolle im sozialen Leben Wiens spielen konnten, indem sie Momente der Wärme und Freude im Alltag schufen.
Florianitag: Tag der Helden und der Gemeinschaft im Wien des 20. Jahrhunderts
Unter den zahlreichen Wiener Festen, die das Gesicht der Stadt im 20. Jahrhundert prägten, nahm der Florianitag, der Tag des Heiligen Florian am 4. Mai, einen besonderen Platz ein. Dieses Fest ist dem Schutzpatron der Feuerwehrleute gewidmet und entwickelte sich im Laufe des Jahrhunderts zu einem wichtigen Ereignis, das sowohl die Retter selbst als auch die breite Öffentlichkeit vereinte.
Gemäß alter Tradition wurden an diesem Tag die Feuerwachen Wiens zu Zentren der Feierlichkeiten. Die Retter, die täglich ihr Leben riskierten, feierten ihren beruflichen Ehrentag mit feierlichen Gottesdiensten zu Ehren ihres himmlischen Schutzpatrons. Aber der Florianitag war nicht nur ein Tag der spirituellen Ehrerbietung; er war auch eine Zeit der Öffnung und der Vorführung. Die Feuerwachen öffneten ihre Türen für Besucher und erlaubten den Bürgern, einen Blick hinter die Kulissen der heldenhaften Arbeit zu werfen. An diesen Tagen der offenen Tür wurden Auszeichnungen für Mut und Selbstlosigkeit an Einsatzkräfte verliehen und die modernste Technik zur Brandbekämpfung vorgeführt. Dies waren spannende Spektakel, besonders für Kinder, die Feuerwehrautos und Ausrüstung aus nächster Nähe betrachten konnten.
Obwohl der Florianitag nie ein offizieller gesetzlicher Feiertag war, wuchs seine Bedeutung für Wien erheblich, besonders nach dem zerstörerischen Zweiten Weltkrieg. In der Nachkriegszeit, als die Stadt wiederaufgebaut wurde und die Rolle der Rettungsdienste noch offensichtlicher wurde, nahm der Florianitag einen breiten gesellschaftlichen Charakter an. Er wurde zu einem Symbol für Widerstandsfähigkeit, Sicherheit und die Dankbarkeit der Gemeinschaft gegenüber denen, die Leben und Eigentum schützen. So war der Florianitag im 20. Jahrhundert nicht nur ein Ehrentag für Feuerwehrleute, sondern ein wahres Fest des Zusammenhalts und der Anerkennung der wichtigen Rolle, die diese Helden im Leben Wiens spielten.
Das Weinhauerfest von Perchtoldsdorf
In Wien feierte man gerne noch ein weiteres Fest, das zwar nicht direkt in der Stadt stattfand, aber bei seinen Bewohnern äußerst beliebt und tief in den regionalen Traditionen verwurzelt war – der Perchtoldsdorfer Hütereinzug.
Dieses feierliche Ereignis fand jährlich im malerischen, unweit von Wien gelegenen Ort Perchtoldsdorf statt und zog stets zahlreiche Hauptstädter an, die an einem echten Volksfest teilnehmen wollten.
Dieses landwirtschaftliche Fest wurde am Sonntag nach dem Leonharditag, dem 6. November, gefeiert und hatte als Ausdruck der Dankbarkeit für die eingebrachte Ernte eine tiefe traditionelle Bedeutung. Der Höhepunkt des Festes war der feierliche Umzug der Weinhauer. Sie zogen durch die Straßen und trugen dabei farbenprächtig geschmückte Requisiten (die sogenannten „Goaßln“), was ein buntes und festliches Schauspiel bot. Der Zug führte zur örtlichen Kirche, wo ein Teil der Feierlichkeiten stattfand.
Nach dem Gottesdienst verlagerte sich das Fest auf den Jahrmarkt der Weinlese-Erträge. Hier herrschte eine echte Volksfeststimmung: Es wurden verschiedene Wettbewerbe veranstaltet, fröhliche Lieder gesungen, und die Luft war erfüllt von den Düften frischen Weins und lokaler Köstlichkeiten. Es war ein Fest der Großzügigkeit der Erde, der Arbeit der Winzer und des Zusammenhalts der Gemeinschaft, das den Abschluss eines Zyklus und die Bereitschaft für einen neuen symbolisierte – und für die Wiener eine wunderbare Gelegenheit bot, in die authentische ländliche Atmosphäre einzutauchen.
Quellen: www.geschichtewiki.wien.gv.at, trachtenbibel.at, www.meinbezirk.at, www.unesco.at, www.workinaustria.com