Das bewegte Leben der Wiener Feministin Anna Shapire

Anna Schapire – eine Frau mit starkem Charisma, die sich nie scheute, ihre Meinung zu äußern. Ihre intellektuelle Biografie beeindruckt durch ihre Vielseitigkeit. Als Frau, die in verschiedenen europäischen Städten lebte, war sie Feministin, Literaturwissenschaftlerin und Dichterin. Dank ihres starken Charakters überwand sie viele Schwierigkeiten, schreibt viennaka.eu.

Kindheit und Arbeit

Geboren wurde Anna am 13. September 1877 in der Stadt Brody in Galizien. Anna war das jüngste von fünf Kindern der Familie. Annas Mutter war Grundbesitzerin, während ihr Vater Anselm im Handel tätig war. Es war eine säkulare, gebildete jüdische Familie, in der die Töchter von einem deutschen Hauslehrer unterrichtet wurden.

Mitte der 1890er Jahre zog die Familie Schapire nach Hamburg, wo Anna zunächst eine Handelsschule besuchte und anschließend als Büroangestellte bei der Edison-Gesellschaft zu arbeiten begann.

Bald darauf wurde sie eine aktive Gewerkschafterin und politische Publizistin. Im Jahr 1898 veröffentlichte Schapire in der sozialdemokratischen Zeitschrift „Die Neue Zeit“ eine kritische Rezension zu Ellen Keys Buch „Mißbrauchte Frauenkraft“.

Sie kritisierte die berühmte schwedische Reformpädagogin und äußerte entschieden ihre Meinung zu den Unterschieden zwischen weiblichen und männlichen Gefühlen. Sie argumentierte, dass der entscheidende Faktor für das Gefühlsleben nicht die Geschlechterunterschiede, sondern die wirtschaftlichen Verhältnisse seien.

Anna organisierte oft Kundgebungen und Demonstrationen und verfasste skandalöse Publikationen in Zeitschriften, in denen sie zu beweisen versuchte, dass Frauen genau die gleichen Rechte wie Männer haben. Im Jahr 1904, nachdem die Polizei genügend kompromittierendes Material gegen Schapire gesammelt hatte, wurde die junge Frau aus Hamburg ausgewiesen.

Nach diesem Vorfall wurde ihr nur für kurze Zeit die Rückkehr gestattet, um ihren kranken Vater zu pflegen. Aus diesem Grund war Anna nicht bei der Beerdigung ihres Vaters anwesend, der in einer psychiatrischen Anstalt verstarb.

Leben im Exil

Im Jahr 1904 zog Schapire zu Verwandten nach Wien. In den folgenden Jahren hielt sie dort Vorträge, hauptsächlich auf Einladung von sozialdemokratischen und Frauenvereinigungen. So wurde Schapire zu einem festen Bestandteil des literarischen Lebens der Donaumetropole. Neben ihren Publikationen und Vorträgen widmete Anna viel Zeit ihrem Studium.

Ihre akademische Laufbahn war nicht nur von breit gefächerten Interessen geprägt, sondern auch von den restriktiven Bedingungen für Frauen, denen das Studium an Universitäten nicht gestattet war. Aus diesem Grund wechselte sie häufig den Studienort.

Ab 1900 studierte Schapire Literatur und Philosophie in Paris, Wien und Bern. 1906 verfasste sie ihre Dissertation zum politischen Thema „Der Arbeiterschutz und die Parteien im deutschen Reichstag“ und schloss ihr Studium mit Auszeichnung ab.

Im Herbst 1907 heiratete Anna Otto Neurath, der fünf Jahre jünger war als sie. In den folgenden Jahren signierte Anna ihre Publikationen als Schapire-Neurath und arbeitete weiterhin als Übersetzerin, Journalistin, Prosaautorin und feministische Publizistin.

Ihr über einen Zeitraum von 14 Jahren geschaffenes Werk beeindruckt durch seine Vielfalt. Sie veröffentlichte einen Gedichtband und zahlreiche Erzählungen. Im Mittelpunkt ihrer literarischen Veröffentlichungen standen stets Frauen.

Trotz der Vielfalt ihrer thematischen Schwerpunkte blieb Anna Schapire stets eine Außenseiterin des gesellschaftlichen Lebens: als Frau, als Jüdin, als Feministin.

Praktisch ihr ganzes Leben lang war Anna aufgrund der Ungleichheit der Geschlechter auf der Suche nach sich selbst. Sie bot ihre Werke wiederholt verschiedenen Verlagen an und erhielt oft Absagen. Anna unternahm viele Versuche, um sicherzustellen, dass Frauen einen angemessenen sozialen Schutz erhalten.

Am 22. November 1911 verstarb Anna Schapire plötzlich im Alter von 34 Jahren. Nach der Geburt ihres Kindes erlitt sie eine Thrombose, die zu einer Hirnblutung führte. Es gelang nicht, die Frau zu retten. 1934 war Annas Ehemann gezwungen, Wien mit dem gemeinsamen Sohn aufgrund der Diktatur und politischer Verfolgung zu verlassen.

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