Helene Deutsch – eine Wiener Fürsprecherin der Frauen

Helene Deutsch – eine Wiener Psychoanalytikerin und Forscherin auf dem Gebiet der weiblichen Sexualpsychologie. Dank ihrer zahlreichen Arbeiten wurde Helene weit über die Grenzen Wiens hinaus bekannt. Lesen Sie mehr über ihr Leben und Wirken auf viennaka.eu.

Eine erwachsene Kindheit

Helene wurde am 9. Oktober 1884 in Przemyśl geboren. Ihr Vater, Wilhelm Rosenbach, war Anwalt, während sich ihre Mutter, Regina Fass-Rosenbach, der Kindererziehung widmete.

Zur Zeit ihrer Geburt gehörte Przemyśl zu Österreich-Ungarn und wurde später ein Teil Polens. Daher sprach ihre Mutter zu Hause Deutsch, doch Helene, ihr Bruder und ihre beiden Schwestern bevorzugten die polnische Sprache.

Schon in ihrer Kindheit fand Helene keine gemeinsame Sprache mit ihrer Mutter. Sie verstand sich weitaus besser mit ihrem Vater, den sie als den wichtigsten Menschen in ihrem Leben betrachtete.

Im Alter von 14 Jahren verließ sie die öffentliche Schule und begann, Privatunterricht zu nehmen, um sich bestmöglich auf die Matura vorzubereiten.

In dieser Zeit verliebte sich Helene zum ersten Mal. Sie wurde die Geliebte des älteren, verheirateten polnischen Anwalts und sozialistischen Führers Herman Lieberman. Er war es auch, der ihr Interesse an Politik weckte.

Ganz in ihren Gefühlen versunken, vernachlässigte Helene ihre Ausbildung für fünf Jahre vollständig. 1907 legte sie die Matura ab. Nach dem Erhalt ihres Reifezeugnisses inskribierte Deutsch an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien. Im selben Jahr wurde Lieberman Abgeordneter im Wiener Parlament.

1910 besuchte Helene gemeinsam mit Herman den Kongress der Sozialistischen Internationale in Stockholm. Anschließend reiste Deutsch nach München, um ihr Studium abzuschließen. Genau dort, im Labor für experimentelle Psychologie, begann sie ihre wissenschaftliche Arbeit gemeinsam mit dem Psychiater Emil Kraepelin.

1911 trennte sich Helene von Lieberman, vermutlich weil er seine Familie nicht verlassen und seinen Ruf nicht ruinieren wollte.

In ihrem letzten Studienjahr in München lernte Helene den Wiener Internisten Felix Deutsch kennen. 1912 heiratete sie ihn und promovierte im selben Jahr zur Ärztin.

Karrierestart

Von 1912 bis 1918 arbeitete Deutsch als unbezahlte Assistentin an der Wiener Psychiatrischen Klinik unter Julius Wagner-Jauregg. Es ist bemerkenswert, dass es Frauen zu dieser Zeit nicht gestattet war, offiziell angestellt zu werden.

Während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) leitete Deutsch die weibliche Abteilung der Psychiatrischen Klinik in Wien. Bald darauf reiste sie nach München und begann dort ihre Arbeit in der Klinik des Psychiaters Emil Kraepelin.

Die Hinwendung zur Psychoanalyse

1917 brachte Deutsch ihr erstes Kind zur Welt. Es war eine große Herausforderung, ihre medizinische Tätigkeit mit der Kindererziehung zu vereinbaren, doch Helene meisterte sie. Bereits ein Jahr später wurde sie Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Zudem begann sie eine Lehranalyse bei dem Wiener Psychiater Sigmund Freud.

1919 endete die Lehranalyse abrupt, da Freud die Zeit für die Behandlung eines seiner Patienten benötigte.

Dennoch machte Freud Deutsch zu seiner Assistentin. Dank der Zusammenarbeit mit ihm wurde sie zu einer der bedeutendsten Vertreterinnen der psychoanalytischen Schule.

1925 veröffentlichte Deutsch ihre Arbeit „Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen“. Sie leistete einen wesentlichen Beitrag zur Gründung und Entwicklung des Wiener Psychoanalytischen Instituts, das 1925 ins Leben gerufen wurde.

Karriereentwicklung

1932 übernahm Helene die Leitung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung.

1934 unternahm Deutsch eine Vortragsreise durch die USA, woraufhin sie mit ihrer Familie nach Boston übersiedelte. In Amerika wurde Deutsch Mitglied des Boston Psychoanalytic Society and Institute, wo sie ihre psychoanalytische Arbeit fortsetzte.

Eine Zeit lang arbeitete Helene Deutsch auch in der psychiatrischen Klinik unter der Leitung von Stanley Cobb am Massachusetts General Hospital. Später wurde sie Professorin an der Boston University.

In den Jahren 1944 bis 1945 wurden die zwei Bände von Deutschs Werk „The Psychology of Women“ veröffentlicht.

Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit war Helene auch als politische Aktivistin und Kämpferin für Frauenrechte engagiert. In den USA nahm sie in den 1960er und 1970er Jahren wiederholt an Protestmärschen gegen den Vietnamkrieg teil. Sie war eine mutige und aufrichtige Frau.

Helene Deutsch verstarb am 29. April 1982.

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