Helene Pessl – eine Frau, die in Wien und weit darüber hinaus bekannt war. Sie war Inhaberin einer Parfümfabrik, eines Frisiersalons und einer Schönheitsschule. Pessls Kosmetik erfreute sich bei Menschen aus aller Welt großer Beliebtheit, schreibt viennaka.eu.
Das Bad – ein Zentrum der Schönheit
Heutzutage besuchen Menschen ein Bad, um zu saunieren und sich zu entspannen. Vor einigen Jahrzehnten war das Bad ein Ort für die persönliche Hygiene und die Pflege des Äußeren. Menschen, die ein öffentliches oder privates Bad besuchten, hatten die Möglichkeit zu baden, zu dampfen, sich die Haare machen zu lassen und verschiedene kosmetische Behandlungen zu erhalten.
Der Grund dafür war, dass an öffentliche Bäder Frisiersalons und Kosmetikstudios angeschlossen waren. Unter den Schönheitssalons in Wien war der Salon von Helene Pessl besonders beliebt.
Wer war Helene Pessl?
Helene war eine der bekanntesten Wiener Kosmetikerinnen der Zwischenkriegszeit. Geboren wurde Helene 1882 in der jüdischen Familie von Ignaz Isak Herz und Charlotte Herz. Helenes Vater besaß ein Kaffeehaus.
Im Teenageralter heiratete Helene den Wiener Friseur Sigmund Pessl, den Inhaber eines elitären Salons auf der Kärntner Straße.
Im Jahr 1922 erwarb Sigmund einen Schönheitssalon und einen Damenfrisiersalon im Dianabad. 1925 ließ sich Helene von ihrem Mann scheiden und wurde Inhaberin des Salons und der Parfümfabrik Pessl in der Josefstädter Straße.
Helenes jüngere Tochter Margit arbeitete eine Zeit lang im Schönheitssalon ihrer Mutter im Dianabad.
1927 begann Helene eine Romanze mit Alexander Wunderer, dem Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker.
Dienstleistungen für alle

Helene Pessl hatte ihre eigenen Ansichten und Überzeugungen bezüglich der natürlichen Schönheit der Frau. Sie war der Meinung, dass eine Frau eine gesunde, gepflegte Haut und eine schlanke Figur haben sollte. Darüber hinaus sollte sie sich ständig in Form halten, indem sie neue Methoden erlernte, die dabei helfen.
Ab 1920 wurden Kosmetikprodukte durch ihre Massenproduktion günstiger. Somit waren sie für alle Menschen erschwinglich. Zudem erschienen viele Neuheiten auf dem Markt.
Helene Pessl bot ihre Dienstleistungen und Produkte für alle Bevölkerungsschichten an. Sie wurde nicht müde zu betonen, dass jeder Mensch das Recht hat, schön zu sein.
Helene richtete ihre Aufmerksamkeit stets auf berufstätige Frauen und gab ihnen Ratschläge sowie empfahl ihnen die für sie am besten geeigneten Prozeduren. Als sich die Situation für viele während der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre drastisch verschlechterte und die Arbeitslosigkeit stieg, bot sie kostenlose Schönheitskurse für Arbeitslose an.
In diesen Kursen propagierte Pessl die Schönheit mit dem Argument, dass eine gepflegte Person größere Chancen habe, Aufmerksamkeit zu erregen und schnell eine Arbeit zu finden. So verlor die Schönheit den Anstrich von Eitelkeit und unnötigem Luxus und wurde zu einem Instrument des Überlebens im harten Existenzkampf.
Das Geheimnis von Helenes Erfolg

Um ihr Geschäft in Wien bekannt zu machen, setzte Helene auf gute Werbung. Lokale Zeitungen veröffentlichten diverse Artikel, in denen der Frisiersalon und die Parfümfabrik Pessl beschrieben wurden. Darüber hinaus bezeichnete die Presse Helene Pessl als die klügste Frau Wiens.
Es ist erwähnenswert, dass Helene ihren guten Ruf auch dem Frisiersalon und der Parfümfabrik ihres Mannes Sigmund verdankte. Dadurch wurde ihre Marke „Pessl“ weit über die Grenzen Wiens hinaus bekannt. Der Name der Frau wurde sehr schnell zu einem der prominentesten in der sich aktiv entwickelnden Schönheitsindustrie in Wien. Helene selbst war eine der berühmtesten und angesehensten Persönlichkeiten der Stadt.
Bald darauf begann Pessl in ihrer Freizeit, Artikel zu kosmetischen Themen in Zeitungen zu schreiben und angehenden Kosmetikerinnen Geheimnisse der Unternehmensführung zu verraten.
Neben der Schönheitsindustrie spielten auch ihre journalistische Tätigkeit und ihre Lehrtätigkeit eine wichtige Rolle für Helene Pessls Erfolg. In vielen Zeitschriftenartikeln beleuchtete sie Theorie und Praxis der modernen Kosmetik, sowohl für Fachleute als auch für Laien.
1930 gab Helene ein eigenes Magazin für die von ihr geschulten Kundinnen und Kosmetikerinnen heraus. Ihr Hauptziel war die Popularisierung der Kosmetik und deren Zugänglichkeit für alle. In der Zwischenkriegszeit war Pessl eine jener „Neuen Frauen“, die aus den alten Geschlechterrollen ausbrechen und Erfolg und Unabhängigkeit im Leben erreichen konnten.
Nach einiger Zeit beschloss Helene, Menschen zu helfen, und eröffnete ihre eigene Kosmetikschule im Dianabad, die vom Wiener Stadtschulrat genehmigt wurde. Dort bildete sie Menschen aus und sorgte so für die Weitergabe ihrer Konzepte und Methoden. Darüber hinaus beteiligte sie sich aktiv an der Entwicklung und Professionalisierung des neuen Frauenberufs.
Aufgrund der durch den Krieg verursachten sozialen Umwälzungen waren zahlreiche Frauen gezwungen, sich eine Lohnarbeit zu suchen, und das, obwohl sie alle weder über Bildung noch über Erfahrung verfügten.
Der Beruf der Kosmetikerin konnte in kurzer Zeit erlernt werden, und die Nachfrage nach kosmetischen Behandlungen stieg stetig an. Dies bot vielversprechende Zukunftsaussichten, zumal Pessl den Schwerpunkt auf die Vermittlung neuer medizinischer, chemischer und technischer Kenntnisse legte. Während der Ausbildung machte sie ihre Schülerinnen mit wissenschaftlich fundierten Prinzipien vertraut.
Wie in jedem Geschäft gab es auch Konkurrenten. Im Mai 1938 reichte der Friseur Robert Maurer bei der Gauleitung der NSDAP einen Antrag ein, den Frisiersalon und die Schönheitsschule von Pessl im Dianabad zu schließen. Er begründete seine Forderung damit, dass die Jüdin Pessl ihm große Konkurrenz mache und sein Geschäft vor dem Aus stehe.
Es kam zu einem Verfahren, das entschied, Pessls Geschäft an Maurer zu übergeben. Der neue Inhaber der Marke „Helene Pessl“ begann, deren Produkte aktiv weiterzuentwickeln. Ab Ende 1941 wurden die Kosmetikprodukte unter der Marke „Wiener Edelkosmetik“ verkauft.
Helene Pessl selbst gelang 1938 die Flucht vor den Verfolgungen des Regimes nach New York, wo ihre Tochter Jella lebte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gründete sie eine Marke für Kinderkosmetik. 1953 kehrte sie nach Wien zurück, um den kranken Alexander Wunderer zu pflegen. Helene starb 1954.