Die dunkle Erbschaft von Aberglauben und Angst: Geschichten über Stadthexen und Zauberei in Wien

Die Geschichte Wiens, reich an Pracht und glanzvollen Errungenschaften, hat auch ihre dunklen, wenig bekannten Seiten. Eine davon ist das Phänomen der sogenannten „Stadthexen“ – tragische Gestalten, die zu Opfern von Ängsten, Aberglauben und sozialen Konflikten des frühneuzeitlichen Europas wurden. Obwohl Wien nicht das Epizentrum der Massen-Hexenverfolgungen war, wie einige andere Regionen des Kontinents, war seine mittelalterliche Gesellschaft tief im Glauben an Magie, Zauberei und Volksmedizin verwurzelt. Mehr dazu auf viennaka.eu.

Wie Volksheilerinnen im mittelalterlichen Wien zu „Hexen“ wurden

Im mittelalterlichen Wien, wo die universitäre Medizin ein Privileg der Auserwählten und für die meisten unzugänglich war, spielten Volksheiler eine bedeutende Rolle in der Gesundheitsfürsorge. Unter ihnen nahmen die Kräuterfrauen eine besondere Stellung ein. Sie waren die wahren Hüterinnen uralten Wissens über die magische Kraft der Natur und die heilenden Eigenschaften von Pflanzen, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Diese weisen Frauen, ausgestattet mit einem tiefen Verständnis der Flora, nutzten geschickt die Gaben der Wälder und Felder. Sie bereiteten Absude, Tinkturen und Salben zu, die bei Krankheiten halfen, Wunden heilten und Leiden linderten. Besonders beliebt waren die Kräuterfrauen in ländlichen Gebieten und unter den ärmeren Schichten der Wiener Bevölkerung, für die der Zugang zu professionellen Ärzten schlicht unmöglich war. Sie waren die letzte Hoffnung, an die man sich mit Glauben und Respekt wandte.

Doch genau dieses Wissen und ihre Praktiken, die oft über die Grenzen der offiziell anerkannten Medizin hinausgingen, wurden zur Quelle des Misstrauens. In einer Gesellschaft, in der der Glaube an Magie tief verwurzelt und die Grenze zwischen Volksheilkunde und Zauberei hauchdünn war, befanden sich die Kräuterfrauen oft am Rande der Gefahr. Ihre Weisheit und ihre Fähigkeiten, die Leben retten konnten, machten sie zugleich anfällig für den Vorwurf der Hexerei.

Die Hexenverfolgung in Wien: Mechanismen der Verfolgung und gerichtliche Realitäten

Anschuldigungen der Hexerei in Wien begannen in der Regel mit privaten Denunziationen oder Verdächtigungen, die aufgrund unerklärlicher Ereignisse – Krankheiten, Missernten, Unglücksfälle – aufkamen. Oft waren die Initiatoren Nachbarn, Verwandte oder Personen, die persönliche Konflikte mit dem Beschuldigten hatten. In einer Gesellschaft, in der der Glaube an Magie alltäglich war, konnte jedes ungewöhnliche Verhalten, Wissen über Volksmedizin oder sogar eine einfache persönliche Abneigung ein ausreichender Grund für einen Verdacht sein.

Eine entscheidende Phase in solchen Prozessen waren die Verhöre, die oft von Folter begleitet wurden. Die Folter galt als legitimes Mittel, um Geständnisse zu erlangen, und ihre Anwendung war weit verbreitet. Unter unerträglichem physischem und psychischem Druck „gestanden“ die Opfer nicht selten erfundene Verbrechen und bestätigten selbst die absurdesten Anschuldigungen. Ein solches „Geständnis“ wurde dann als Hauptbeweis für die Schuld verwendet, ungeachtet der Umstände, unter denen es erlangt wurde.

Darüber hinaus konnten äußere Faktoren den Gerichtsprozess beeinflussen. Predigten einflussreicher Geistlicher, wie der Jesuiten, oder allgemeine Panik und die Forderung der Öffentlichkeit nach „Gerechtigkeit“ konnten den Druck auf die Richter erhöhen und zur Fällung eines strengen Urteils beitragen, selbst wenn es an stichhaltigen Beweisen mangelte.

Zwischen 1485 und 1740 rollte eine wahre Welle des „Hexenwahns“ durch Österreich, wie Manfred Scheuch in seinem „Historischen Atlas Österreich“ (Christian Brandstätter Verlag) berichtet. Dieser Massenwahn erfasste nicht nur die Dörfer, sondern auch die Hauptstadt Wien. In diesem Zeitraum wurden im Land etwa 5000 Personen hingerichtet, zumeist Frauen. Der Vorwurf der „Ketzerei“ wurde oft zu einem bequemen Werkzeug, um unliebsame Personen aus der Gesellschaft zu entfernen.

Im Jahr 1598 sollten in Wien zwei Frauen hingerichtet werden – Casett und Sigl, die als die „Alraunen“ bezeichnet wurden. Im Volksglauben galten Alraunen als Wesen, die aus dem Samen von Gehenkten geboren wurden. Die Angst vor diesen Frauen war so groß, dass sich die städtischen Henker weigerten, das Urteil zu vollstrecken. Schließlich musste ein Henker aus Krems hinzugezogen werden, der die Verurteilten enthauptete. Aus Sicherheitsgründen wurde das Schwert nach der Hinrichtung speziell umgerüstet und überarbeitet, wie historische Aufzeichnungen belegen.

Das unglückliche Schicksal und die Anklage der Elisabeth Plainacher

Elisabeth wurde 1513 in Pilamund, Niederösterreich, geboren. Ihre Jugend war von einem persönlichen Drama gezeichnet: In sehr jungen Jahren gebar sie ein uneheliches Kind von einem Gehilfen in der Mühle ihrer Eltern, doch das Baby starb sehr früh. Später heiratete Elsa einen Müller. Aber auch dieses Glück war nur von kurzer Dauer – ihr Mann starb jung und hinterließ Elisabeth als Witwe. Später heiratete sie ein zweites Mal und gebar in dieser Ehe zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter.

Gerade das Schicksal ihrer Tochter Margaretha wurde für Elisabeth zum Verhängnis. Margaretha heiratete den Bauern Georg Schlutterbauer, und sie hatten drei Kinder. Doch bei der Geburt ihres vierten Kindes, einem Mädchen namens Anna, starb Margaretha. Vor ihrem Tod nahm sie ihrer Mutter das Versprechen ab, sich um die neugeborene Anna zu kümmern.

Dieses Versprechen wurde zum Anfang vom Ende. Georg Schlutterbauer, unzufrieden mit der Anwesenheit seiner Schwiegermutter und wahrscheinlich auf der Suche nach jemandem, dem er die Schuld für sein Unglück geben konnte, begann, mit Elisabeth zu streiten. Die Situation wurde durch eine Reihe tragischer Ereignisse verschärft: Die Geschwister der kleinen Anna starben noch im selben Jahr.

Die Tragödie der Elisabeth Plainacher

Die Geschichte Wiens kennt viele Gestalten, aber eine sticht durch ihre tragische Einsamkeit hervor: Elisabeth Plainacher (auch bekannt als Elsa) – die einzige Frau, die in Wien offiziell wegen Hexerei verbrannt wurde. Das Jahr 1583 wurde für die 70-jährige Frau aus Niederösterreich zum Verhängnis. Die Anklage gegen sie wurde von ihrem eigenen Schwiegersohn erhoben, der zynisch behauptete, sie habe ihre Enkelin Anna verhext. In einer Zeit, in der medizinisches Wissen äußerst begrenzt und der Glaube an Magie allumfassend war, konnte jede unerklärliche Krankheit oder jedes Unglück durch unheilvolle Zauberei erklärt werden.

Obwohl es keine stichhaltigen Beweise gab und Ärzte sowie Priester Elisabeth wahrscheinlich nur für eine alte und kranke Frau hielten, tat der öffentliche Druck sein Übriges. Elisabeth wurde verhaftet und „gestand“ erfundene Verbrechen: Sie habe ihre Enkelin verzaubert, an Hexensabbaten am Ötscher teilgenommen, Unwetter heraufbeschworen und sogar einen Pakt mit dem Teufel selbst geschlossen. Eine wesentliche Rolle bei der Entfaltung dieser Tragödie spielte die Predigt des bekannten Jesuiten Georg Scherer, der mit seinen Worten die Hysterie wahrscheinlich noch weiter anheizte und die Gesellschaft zu rücksichtsloser Grausamkeit trieb.

Elsa wurde in die Keller des Malefiz-Spitzbubenhauses (heutige Rauhensteingasse 10) gebracht. Dort wurde sie grausamen Folterungen unterzogen, die damals eine gängige Praxis waren, um „Geständnisse zu erzwingen“. Physisch und moralisch gebrochen, „gestanden“ die Opfer oft erfundene Verbrechen, nur um die unerträglichen Qualen zu beenden. Leider war Elisabeth keine Ausnahme.

Das Urteil war gnadenlos: Tod auf dem Scheiterhaufen. Es wurde am 27. September 1583 vollstreckt. Die Flammen, die Elisabeth Plainacher verzehrten, waren nicht nur das Ende ihres Lebens, sondern auch eine düstere Mahnung daran, wie gefährlich Unwissenheit, Aberglaube und die Manipulation der öffentlichen Meinung sein können.

Heute gibt es in Wien eine nach Elsa Plainacher benannte Straße – die Elsa-Plainacher-Gasse im 22. Bezirk (Donaustadt), die als Mahnmal an die tragischen Ereignisse der Vergangenheit und an die Notwendigkeit erinnert, der Opfer von Aberglauben und Ungerechtigkeit zu gedenken. Am Ort der einstigen Hinrichtungsstätte wurde eine Stele zum Gedenken an die Verbrennung der Frau errichtet.

Quellen: archaeo-now.com, www.vienna.at, www.planet-wissen.de, www.geschichtewiki.wien.gv.at, wienerbezirksblatt.at

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