Erwin Stransky – Wiener Begründer der psychischen Hygiene

Erwin Stransky gehört zur Liste der herausragenden österreichischen Psychiater und Neurologen. Seine wissenschaftlichen Arbeiten werden von heutigen Psychiatern und Neurologen genutzt. Über das Leben und den großen Beitrag Stranskys zur Psychiatrie lesen Sie hier auf viennaka.eu.

Anfänge der Karriere

Erwin Stransky wurde am 3. Juli 1877 in Wien geboren. Von 1886 bis 1894 besuchte Stransky das heutige Sigmund-Freud-Gymnasium. Im Juli 1894 schloss er es mit Auszeichnung ab.

Danach inskribierte er an der Medizinischen Universität Wien. Während seines Studiums entwickelte Stransky ein Interesse für Neurologie und Psychiatrie und absolvierte Ausbildungen in den Instituten von Heinrich Obersteiner und Lothar von Frankl-Hochwart. Im Jahr 1900 erhielt er sein ärztliches Diplom.

Nach Abschluss seiner Hochschulbildung begann Stransky im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien zu arbeiten. 1901 wechselte er an die erste psychiatrische Universitätsklinik, wo er unter der aufmerksamen Leitung von Julius Wagner-Jauregg tätig war.

Seine Karriere in der Psychiatrie entwickelte sich sehr rasch. 1908 habilitierte sich der junge Fachmann an der Universität Wien für Psychiatrie und Nervenheilkunde mit einer Arbeit über die Dementia praecox. 1911 wurde Stransky zum neurologischen Experten der Genossenschaftskrankenkasse ernannt. Im Jahr 1915 wurde ihm der Professorentitel verliehen.

Während des Ersten Weltkriegs diente Erwin und forschte parallel dazu an Neuritis. Nach dem Krieg setzte er seine Karriere an der Universitätsklinik fort.

Erforschung der Schizophrenie

Im Laufe seiner Karriere verfasste Stransky über 200 wissenschaftliche Arbeiten, die ein breites Spektrum der Psychiatrie und Neurologie abdecken. Darin behandelte er manisch-depressive Störungen, die Anatomie entzündeter Nerven, Multiple Sklerose und vieles mehr.

1914 veröffentlichte er das zweibändige „Lehrbuch der allgemeinen und speziellen Psychiatrie“, das für viele Generationen von Studenten und Ärzten zu einem wichtigen Hilfsmittel wurde.

Den größten Teil seiner Zeit widmete der Professor jedoch der Erforschung der Schizophrenie. Er war einer der ersten Psychiater, die diese Krankheit erforschten und ihre Folgen beschrieben. Seine Arbeiten auf diesem Gebiet sind weltweit bekannt. Insbesondere der Artikel „Von der Dementia praecox zur Schizophrenie“ stellt eine gute Analyse seiner Forschungen zur Schizophrenie über fünf Jahrzehnte dar.

Als großer Gegner der Psychoanalyse propagierte Stransky die Bedeutung der Psychotherapie und legte besonderen Wert auf den Kontakt zwischen Arzt und Patient.

Stransky gilt als Begründer der psychischen Hygiene. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete er zusammen mit Otto Kauders die Österreichische Gesellschaft für psychische Hygiene, die weltweit Anerkennung fand.

Überleben um jeden Preis

Seit seiner Jugend vertrat Stransky deutschnationale Ansichten. Nach dem Ersten Weltkrieg trat er der Nationaldemokratischen Partei bei, wurde aber sehr bald wegen seiner jüdischen Wurzeln ausgeschlossen.

1930 wurde er Vertreter der deutschnationalen Gruppe Czernin in der Bürgerlich-demokratischen Arbeitspartei.

Während des Austrofaschismus unterstützte Stransky die Nationalsozialisten und die Rassenhygiene.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 versuchte Stransky, unter Berufung auf seine früheren Verdienste eine Ausreisegenehmigung aus Wien zu erhalten. Als er merkte, dass dies erfolglos bleiben würde, bemühte er sich um die Anerkennung der Reichsbürgerschaft, was ebenfalls scheiterte.

Im selben Jahr wurde Stransky all seiner Ämter an der Universität enthoben, wo er bis Kriegsbeginn gelehrt hatte. Dank seiner „arischen“ Ehefrau gelang es ihm, die Zeit des Dritten Reiches in Österreich sicher zu überstehen und der Deportation zu entgehen.

Ein neues Leben

1945 wurde Stransky mit dem Wiederaufbau der psychiatrischen Anstalt am Rosenhügel betraut. Während des Krieges war sie in ein Lazarett umgewandelt worden. Die Gebäude waren durch Bombenangriffe stark beschädigt, und das Gebäude, in dem sich die neurologische Abteilung befand, war vollständig zerstört. Dank der finanziellen Unterstützung der Stadt Wien und der Mitarbeiter gelang es Stransky, die Anstalt in kurzer Zeit in ein führendes neurologisches und psychiatrisches Zentrum zu verwandeln. Infolgedessen wurde er zum Leiter dieses Zentrums ernannt.

1946 wurde Stransky erneut der Professorentitel verliehen. 1947 trat er in den Ruhestand, blieb aber als Honorarprofessor weiterhin tätig.

1951 zog er sich endgültig ins Privatleben zurück.

Während seiner Tätigkeit in der Psychiatrie spielte Erwin Stransky eine führende Rolle in zahlreichen wissenschaftlichen Gremien. Ab 1903 war er Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien und wurde 1945 Mitglied ihres Verwaltungsrates. Darüber hinaus war er Mitglied des Vereins für Psychiatrie und Neurologie, der Österreichischen Kriminalistischen Vereinigung und der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte.

1933 wurde er als erster Österreicher zum Ehrenmitglied der American Psychiatric Association gewählt. 1915 wurde Stransky mit dem Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens ausgezeichnet.

1920 wurde auf seine Initiative hin die Gesellschaft für angewandte Psychopathologie und Psychologie gegründet.

Am 26. Januar 1962 verstarb Erwin Stransky. Er hinterließ eine große Anzahl an Arbeiten, die von modernen Psychiatern und Neurologen genutzt werden. Stransky gilt als einer der besten österreichischen Wissenschaftler auf dem Gebiet der Neurologie und Psychiatrie.

...