Vollpension ★9.1

Café · Wien · ⭐ 9.1/10 · 7208 Bewertungen · aktualisiert: 2026-08-10 15:30:44

Adresse: Schleifmühlgasse 16, 1040 Wien, Österreich

Die meisten Wiener Kaffeehäuser erzählen ihre Geschichte über die Vergangenheit: über Stammgäste, Literaten, Jahreszahlen an der Fassade. Vollpension erzählt sie über die Menschen, die gerade in der Küche stehen. Hier backen Großmütter und Großväter, und zwar nicht als Dekoration, sondern als Belegschaft — in einer offenen Küche, der man beim Arbeiten zusehen kann. Was aussieht wie ein besonders gemütliches Wohnzimmer mit Kuchenvitrine, ist tatsächlich ein Sozialunternehmen mit einer sehr konkreten Rechnung: Altersarmut lindern, Einsamkeit durchbrechen, Generationen an denselben Tisch bringen.

Höhepunkte

  • Backomas und Backopas statt anonymer Konditorei. Die Torten und Mehlspeisen werden von älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach deren eigenen Familienrezepten gebacken — handgemacht, im Haus, sichtbar.
  • Offene Küche als Konzept. Gebacken wird nicht hinter verschlossenen Türen: Der Blick auf die Arbeit gehört zum Besuch, und Fragen über den Tresen hinweg sind ausdrücklich erwünscht.
  • Ein Sozialunternehmen mit Zahlen. Rund die Hälfte des über hundertköpfigen Teams ist über sechzig; seit der Gründung 2012 hat das Haus mehr als zwei Millionen an zusätzlichem Einkommen an ältere Menschen ausgezahlt und über eine Million Gäste bewirtet.
  • Turbokitsch mit Backsteinwand. Alte Lampen, Samtsofas, Sammelsurium statt Designerlinie — der Raum ist bewusst wie ein Wohnzimmer der Siebzigerjahre gebaut und nicht wie ein Café.
  • Backkurse mit den Omas. Über die hauseigene Backakademie kann man das Handwerk direkt bei den älteren Bäckerinnen lernen, vor Ort oder als Videokurs.
  • Gastgarten für die warme Hälfte des Jahres. Der Standort im vierten Bezirk hat einen großen Garten, was ihn von den kleineren Schwesterstandorten unterscheidet.

Was in der Tasse ist

Hier gehört eine ehrliche Einordnung an den Anfang. Vollpension ist kein Spezialitätenkaffee-Betrieb im Sinn der dritten Welle: Es gibt keine wechselnde Tafel mit Farmnamen und Aufbereitungsmethoden, keine eigene Rösterei, keine öffentliche Kommunikation über den Bohnenlieferanten und keinen Handfilter, der als eigene Disziplin zelebriert wird. Wer die Wiener Röster-Szene sucht, findet sie in anderen Bezirken.

Was es stattdessen gibt, ist das vollständige Wiener Repertoire, verlässlich und in großer Menge ausgeführt: Espresso als Basis, die ganze Milchgetränke-Familie darüber und selbstverständlich die Melange, ohne die ein Wiener Kaffeehaus in dieser Stadt nicht ernst genommen wird. Die Tasse ist hier ausdrücklich Begleitung, nicht Hauptdarstellerin — sie steht neben einem Stück Torte, und die Torte ist der Grund, warum die Leute kommen.

Das ist kein Mangel, sondern eine bewusste Gewichtung. Ein Haus, das täglich große Mengen an Mehlspeisen aus einer offenen Küche schickt und dabei ein soziales Modell trägt, setzt seine Aufmerksamkeit anders als eine Brew Bar mit zwölf Sitzplätzen. Wer beides in einem Besuch verlangt, wird in Wien fast immer enttäuscht; hier holt man sich den Kuchen, die Wärme und das Gespräch.

Wer dahintersteht

Die Idee entstand 2012, als ein temporäres Projekt im Rahmen der Wiener Designwoche: Junge Leute hatten sich über trockenen Kuchen in klassischen Kaffeehäusern geärgert und die naheliegende Frage gestellt, wer eigentlich am besten backen kann. Die Antwort — die Großmüttergeneration — wurde nicht als Werbespruch verwendet, sondern als Personalstrategie. Aus dem Pop-up wurde ein fixer Betrieb, aus dem Betrieb ein Unternehmen mit mehreren Standorten.

Zum Gründungskreis gehören Moriz Piffl-Percevic, Julia Krenmayr, Hannah Lux und Manuel Gruber. Ihr Modell ruht auf vier Säulen, die das Haus selbst so benennt: Einsamkeit im Alter entgegenwirken, kleine Pensionen aufbessern, den Austausch zwischen Jung und Alt organisieren und eine Gemeinschaft rund ums Backen aufbauen. Dass daraus kein Wohltätigkeitsprojekt, sondern ein wirtschaftlich tragfähiger Gastronomiebetrieb geworden ist, hat dem Haus eine ungewöhnliche Sammlung an Auszeichnungen eingebracht — von einem Staatspreis für Kommunikation über eine internationale Unternehmerauszeichnung bis zum offiziellen Label für geprüfte Sozialunternehmen. Berichtet haben darüber Medien von New York bis London.

Wofür es sich eignet

Vollpension ist zuallererst ein Ort zum Reden. Für zwei Menschen, die sich lange nicht gesehen haben, für Familienbesuch aus der Provinz, für Großeltern mit Enkelkindern, für eine Gruppe, die einen Nachmittag verplaudern will — dafür ist der Raum gebaut, und dafür funktioniert er hervorragend. Auch als erster Programmpunkt mit Gästen aus dem Ausland ist er dankbar, weil sich das Konzept in zwei Sätzen erklären lässt und sofort einleuchtet.

Zum Arbeiten mit dem Laptop ist das Haus dagegen die falsche Adresse. Es ist voll, es ist laut, die Tische werden gebraucht, an vielen Nachmittagen sitzt man dicht beieinander, und der ganze Betrieb ist auf Umschlag und Gespräch ausgelegt, nicht auf konzentrierte Stille. Wer einen Vormittag mit Kopfhörern und Kalkulationen plant, sollte sich eine ruhigere Adresse suchen — in dieser Vertikale gibt es in Wien reichlich davon.

Wer alleine kommt, hat es hier trotzdem leicht, weil der Ton warm und wenig städtisch-distanziert ist. Zum Mitnehmen taugt das Haus ebenfalls, allerdings verliert man dabei genau das, was den Besuch ausmacht: den Blick in die Küche und die Menschen, die dort stehen. Und für alle, die etwas mit nach Hause nehmen wollen, gibt es ganze Torten auf Vorbestellung, Gutscheine und die Backkurse als Geschenk.

Der Raum

Der Standort im vierten Bezirk ist der ursprüngliche und bis heute der stimmungsvollste. Er sieht aus, als hätte jemand mehrere Wohnzimmer verschiedener Jahrzehnte zusammengeschüttet und dann bewusst nicht aufgeräumt: gemauerte Ziegelwände, Samtsofas, alte Lampen, Bilderrahmen, Geschirr ohne einheitliche Linie. Das Haus nennt seinen eigenen Stil scherzhaft Turbokitsch, und das trifft es genau — es ist gewollt, es ist konsequent, und es funktioniert, weil dazu Menschen passen, die tatsächlich in solchen Wohnzimmern gelebt haben.

Die offene Küche ist das Herz des Raums. Man sieht, wer backt, man hört den Betrieb, es riecht danach. In der warmen Hälfte des Jahres kommt ein großer Gastgarten dazu, der dem sonst engen Innenraum Luft verschafft und den Standort deutlich von den kleineren Geschwisterlokalen abhebt. An Wochenendnachmittagen ist es hier laut im besten Sinn: Kindergeschrei, Gläser, mehrere Sprachen gleichzeitig.

Ein Punkt gehört zur Ehrlichkeit dazu: Dieser Standort ist nicht barrierefrei. Wer auf Stufenfreiheit angewiesen ist, fährt besser zum Schwesterstandort in der Inneren Stadt, der ausdrücklich rollstuhlgerecht ausgeführt ist.

Mehr als Kaffee

Hier ist die Antwort eindeutig und ungewöhnlich: Das Essen ist nicht Beiwerk, sondern der eigentliche Grund des Hauses. Gebacken wird im Haus, von den älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, nach persönlichen Familienrezepten — also nicht nach einer standardisierten Konditoreirezeptur, sondern nach der Handschrift einzelner Menschen. Neben der Mehlspeisenseite gibt es ein vollwertiges Frühstück, das auch in veganer Ausführung verfügbar ist.

Darüber hinaus ist Vollpension mehr als ein Lokal. Die hauseigene Backakademie bietet Kurse an, in denen die älteren Bäckerinnen ihr Handwerk weitergeben — als Präsenzkurs oder als Video zum Nachbacken daheim. Dazu kommen Catering, Firmenformate und ein eigener Veranstaltungsort im sechsten Bezirk, in dem Teams gemeinsam backen statt Seminarunterlagen zu wälzen. Ganze Torten lassen sich vorbestellen.

Wann kommen

Geöffnet ist an allen sieben Tagen. Die ruhigsten Stunden liegen früh am Tag und an Werktagen; die Wochenendnachmittage sind die klassische Hochphase, in der das Haus regelmäßig voll ist. Für einen Tisch am Wochenende und generell für Gruppen ab vier Personen empfiehlt das Haus selbst eine Reservierung — wer spontan mit sechs Leuten hereinkommt, hat schlechte Karten.

Saisonal gilt: In der warmen Hälfte des Jahres verdoppelt der Gastgarten praktisch die Kapazität, im Winter konzentriert sich alles auf die Innenräume, und dann wird es früher eng. Rund um Feiertage und Muttertag ist das Haus erfahrungsgemäß besonders stark nachgefragt, weil ganze Torten dann als Geschenk gefragt sind.

Anfahrt

Der Standort liegt im vierten Bezirk, im Freihausviertel unmittelbar hinter dem Naschmarkt — also in jenem dichten Quartier zwischen Markt, Galerien und kleinen Geschäften, das ohnehin zu den angenehmsten Spaziergebieten der Innenstadt gehört. Vom Karlsplatz und von der U-Bahn-Station am Naschmarkt sind es jeweils wenige Minuten zu Fuß, mehrere Straßenbahn- und Buslinien halten in der Nähe.

Mit dem Auto ist die Anreise mühsam: Der Bezirk ist durchgehend Kurzparkzone, die Gassen sind eng und an Markttagen zusätzlich verstopft. Wer aus einem anderen Bezirk kommt, fährt mit den Öffis schneller und entspannter. Zu Fuß lässt sich der Besuch gut mit einem Bummel über den Markt verbinden.

Gut zu wissen

Die wichtigste praktische Information ist die Reservierung. Wer am Wochenende oder in einer Gruppe kommt, sollte vorbestellen; ohne Tisch wartet man mitunter länger, als der Kuchen es wert wäre. Zweitens: Dieser Standort ist nicht stufenfrei, dafür gibt es die barrierefreie Schwester in der Inneren Stadt.

Drittens die ehrliche Erwartungsordnung. Wer wegen des Kaffees kommt, wird eine gute, klassische Wiener Tasse bekommen, aber keine Verkostungserfahrung. Wer wegen des Kuchens und wegen der Idee kommt, bekommt beides in voller Stärke. Und wer Ruhe sucht, kommt am besten früh und unter der Woche — an einem vollen Samstagnachmittag ist dieses Haus laut, warm und voller Menschen, und genau so ist es gemeint.

Ein letzter Hinweis für Reisende: Das Konzept hat international so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass an manchen Tagen auffällig viele Gäste von auswärts im Raum sitzen. Das nimmt dem Ort nichts von seiner Substanz, verändert aber den Klang des Nachmittags — unter der Woche ist der Anteil an Nachbarschaft spürbar höher.

Fragen und Antworten

Wer backt bei Vollpension wirklich?

Ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, im Haus Backomas und Backopas genannt. Sie backen nach eigenen Familienrezepten, und zwar in einer offenen Küche, in die man hineinsehen kann.

Ist Vollpension tatsächlich ein Sozialunternehmen?

Ja. Etwa die Hälfte des über hundertköpfigen Teams ist über sechzig, das Modell zielt ausdrücklich auf Zusatzeinkommen im Alter und gegen Vereinsamung. Das Haus trägt ein offizielles Label für geprüfte Sozialunternehmen.

Seit wann gibt es das Haus?

Die Idee startete 2012 als temporäres Projekt im Rahmen der Wiener Designwoche und wurde danach zum festen Betrieb ausgebaut.

Sollte man reservieren?

An Wochenenden und für Gruppen ab vier Personen ja, das empfiehlt der Betrieb selbst. Unter der Woche kommt man meist auch spontan unter.

Gibt es Frühstück, und ist es auch vegan möglich?

Ja, es wird ein vollwertiges Frühstück angeboten, ausdrücklich auch in veganer Ausführung.

Ist dieser Standort barrierefrei?

Nein. Der Standort im vierten Bezirk ist nicht rollstuhlgerecht; der Schwesterstandort in der Inneren Stadt ist es.

Kann man hier mit dem Laptop arbeiten?

Besser nicht. Der Betrieb ist auf Gespräch, Umschlag und volle Tische ausgelegt; für konzentriertes Arbeiten ist eine ruhigere Adresse die bessere Wahl.

Kann man das Backen lernen?

Ja, über die hauseigene Backakademie — als Kurs vor Ort bei den älteren Bäckerinnen oder als Videokurs für zu Hause.

Wie viele Standorte gibt es?

Drei: das ursprüngliche Generationencafé im vierten Bezirk, ein zweites Café in der Inneren Stadt an der Musik- und Kunstuniversität sowie ein Veranstaltungsstudio im sechsten Bezirk.

Kann man eine ganze Torte bestellen?

Ja, ganze Torten sind auf Vorbestellung erhältlich, ebenso Gutscheine und Backkurse als Geschenk.

Öffnungszeiten

Tag Zeiten
Montag 08:00–20:00
Dienstag 08:00–20:00
Mittwoch 08:00–20:00
Donnerstag 08:00–20:00
Freitag 08:00–20:00
Samstag 08:00–20:00
Sonntag 08:00–20:00

Gästebewertungen

  1. Lena H.

    Під час нашого візиту до кафе на Йоганнесгассе, бабуся з іншого відділення розповіла нам про нього. Тож в останній день ми пішли туди на сніданок.

    Та сама бабуся знову зустріла нас – чудово!

    Ми вдвох замовили сніданок…

  2. Маринка Бабич

    Приємна атмосфера, великий вибір пирогів, і дуже лаконічне меню. Відчувається турбота в кожній деталі. Особливістю є те, що щодня вибір пирогів різниться 🙂

  3. Olena Terekha

    Дуже раджу це місце.
    Атмосфера неймовірна, дуже дуже мило. Персонал супер вічливий. Кожен окремий столик це окремі враження обєднані домашністю.
    Сніданки до 16:00, є декілька видів, напої не лімітовані, є різна кава, кап…

  4. Natalia Arikova

    Гарне місце! Смачно, як у бабусі! Залюбки з'їла свій сніданок на День Народження!

  5. Аркадій Войтюк

    Раджу! Тут затишно і по-особливому! Легкий сніданок з душею. На кухні працюють красиві охайні жіночки в віці. Любо спостерігати ))

Bewertungen zuletzt aktualisiert: 2026-08-10 15:30:44

Die Daten werden monatlich aktualisiert. Quellen: viennaka.eu sowie redaktionelle Auswahl anhand von Bewertungen.

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