Die Lebensgeschichte der talentierten Wiener Feministin und Schriftstellerin Rosa Mayreder

Rosa Mayreder war eine Vertreterin der ersten österreichischen Frauenbewegung. Ihre feministischen Essays werden bis heute gelesen und neu aufgelegt. Wie die Tochter eines Wiener Wirtshausbesitzers zur bekannten Theoretikerin der österreichischen Frauenbewegung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde, erfahren Sie hier auf viennaka.eu.

Eine ungewöhnliche Kindheit

Rosa Mayreder wurde als Tochter des Wirtshausbesitzers Franz Obermayer und seiner Frau Maria Engel geboren. Die Geschichte ihres Lebens beschrieb sie in ihrer Autobiografie „Das Haus in der Landskrongasse“. Darin erzählte sie, dass ihr Vater sehr sensibel gewesen sei, sich selbst jedoch als liberalen Anhänger der Revolution von 1848 bezeichnete. Rosas Mutter Maria versuchte mit allen Mitteln, das Talent ihrer Tochter zu unterdrücken und sie vorteilhaft zu verheiraten. In ihrer Kindheit erhielt Rosa wegen ihrer großen Liebe zum Lesen den Spitznamen „Blaustrumpf“.

Schon als junges Mädchen rebellierte Mayreder gegen ihre Erziehung und die Weiblichkeitsideale, die sie später in ihrer Essaysammlung kritisieren sollte. Sie lehnte die angeblich angeborene „Natur der Frau“ ab und war der Ansicht, dass eine Veränderung der Frauenrolle in der Gesellschaft auch zu einer Veränderung der Geschlechterrolle des Mannes führen würde.

Von klein auf interessierte sich Rosa für Philosophie. Mit großer Begeisterung las sie Kant und Nietzsche, dessen Synthese des Persönlichkeitskults sie nachhaltig beeinflusste.

Rosa empfand die öffentliche Mädchenschule als langweilig und weigerte sich als Jugendliche, ein Mieder zu tragen. In ihr tobte ein ständiger innerer Kampf; sie fühlte sich in dieser Welt fremd und war sich zugleich ihrer Einzigartigkeit bewusst.

Trotz gewisser Vorurteile ihres Vaters wuchs das Mädchen in einer förderlichen Umgebung auf. Sie durfte am Unterricht in Latein und Griechisch teilnehmen und war bei den samstäglichen Jugendabenden dabei.

Heirat und persönliche Entwicklung

Von klein auf träumte Rosa davon, Schriftstellerin zu werden. Nach der Auseinandersetzung mit ihrer erwachenden Sexualität – einem für Mädchen jener Zeit verbotenen Thema – und nach Klavier-, Gesangs- und Malunterricht heiratete Rosa. Ihr Auserwählter war der Architekturstudent Karl Mayreder. Das Paar schloss 1881 den Bund der Ehe.

Es war eine wunderschöne Verbindung zweier verliebter Menschen. Sie harmonierten sowohl äußerlich als auch seelisch.

In den ersten Jahren ihrer Ehe bildete sich Rosa weiter, las Aristoteles und Cicero. Daneben begann sie, Novellen zu schreiben, die später veröffentlicht wurden. Ihr Novellenband „Aus meiner Jugend“ wurde 1896 von Pierson veröffentlicht. Darin verurteilt sie die gesellschaftliche Ordnung, in der Sexualität nur innerhalb der offiziellen Ehe legitimiert ist. Sie kritisiert auch die Zweckehe und den Despotismus der Ehemänner gegenüber ihren Frauen und Kindern. In ihren Texten stützt sich die Schriftstellerin wiederholt auf ihre eigenen Erfahrungen.

Im Jahr 1893 trat Rosa Mayreder dem neu gegründeten Allgemeinen Österreichischen Frauenverein („AÖFV“) bei. Diese Vereinigung sogenannter bürgerlich-radikaler Frauen kämpfte für die Rechte der Frauen. Sie setzten sich für Bildung sowie für die Verbesserung der Rechte der Frau in Familie und Gesellschaft ein.

Ein weiteres wichtiges Anliegen, dem sich Mayreder widmete, war der Kampf gegen die Prostitution. Zusammen mit anderen Vereinsmitgliedern gehörte sie während des Ersten Weltkriegs zu den wenigen Pazifistinnen. 1919 wurde sie Vorsitzende der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Zehn Jahre lang war Rosa Mayreder Vizepräsidentin des „AÖFV“. Trotzdem sah sie sich selbst als Theoretikerin; sie zog das Schreiben dem Führen vor.

1899 erschien ihr erster Roman „Idole, Geschichte einer Liebe“. 1905 veröffentlichte die Schriftstellerin ihre Essaysammlung, die die wohl sarkastischste Abhandlung zur Geschlechterfrage enthielt. Das Buch wurde in zwei Sprachen übersetzt: Tschechisch und Englisch.

Darin analysierte Rosa die damals vorherrschenden Denkmuster im Hinblick auf das Geschlecht und die damit verbundenen Machtverhältnisse. Sie argumentierte, dass soziale Normen und nicht die Natur die Beziehungen zwischen den Geschlechtern bestimmen, und eröffnete damit neue Horizonte. So untersuchte sie beispielsweise detailliert die männlichen Fantasien, von denen sich Frauen befreien müssten, um ihre Individualität zu finden.

Die Kunstschule für Frauen, ein neues Leben

1897 gründete Rosa gemeinsam mit ihrer Freundin, der Malerin Olga Prager, eine Kunstschule für Frauen. Es ist bemerkenswert, dass Frauen zwischen 1920 und 1921 nicht an der Wiener Kunstakademie studieren konnten, da ihnen der Zugang verwehrt wurde.

Die Besonderheit der Schule von Mayreder war die Möglichkeit, Kurse im Aktzeichnen und in der Anatomie zu besuchen, was auch in privaten Frauenkunstschulen nicht angeboten wurde.

Im Alter von 44 Jahren verliebte sie sich unsterblich in den Ministerialrat Paul Kubin. Sie litt darunter, dass er die Dienste von Prostituierten in Anspruch nahm, während Rosa sich öffentlich gegen die Prostitution und die Degradierung von Frauen zu Sexualobjekten aussprach.

Rosas Ehemann Karl wusste von der Untreue seiner Frau, schwieg aber, weil er sie sehr liebte. Im Jahr 1912 entwickelten sich bei ihm vor dem Hintergrund innerer Kämpfe und ständiger Erschütterungen psychische Störungen. Die Pflege ihres kranken Mannes war sowohl seelisch als auch körperlich eine große Belastung.

Aufgrund der Umstände war Rosa pessimistisch gestimmt. Mit den Jahren wurde sie konservativer.

Dennoch engagierte sie sich weiterhin in der Frauenfriedensbewegung, hielt Vorträge bei Versammlungen und verfasste philosophische Essays. Jahrzehntelang arbeitete sie an einem Mysterienspiel, einer Art weiblichem Faust, das 1932 unter dem Titel „Anda Renata“ veröffentlicht wurde. Bald darauf wurde sie als Feministin beinahe vergessen und stattdessen als Schriftstellerin und Kulturphilosophin geschätzt.

Im November 1928 wurde Rosa Mayreder Ehrenbürgerin der Stadt Wien. Für ihre zahlreichen Werke erhielt Rosa viele Auszeichnungen. Im Jahr 1990 schmückte ihr Porträt die letzte Ausgabe des 500-Schilling-Scheins. Außerdem gibt es in Wien einen Rosa-Mayreder-Park. Darüber hinaus werden die Werke dieser großen Frau immer wieder neu aufgelegt. Die Erinnerung an sie wird von Generation zu Generation weitergegeben.

...